MOZART UND DIE ENTWICKLUNG DES KLAVIERTRIOS
In einer Serie von fünf Konzertabenden werden die späten, 1786 und 1788 in Wien entstandenen Klaviertrios von Wolfgang Amadeus Mozart im Spiegel der Werke seiner Zeitgenossen und musikalischen Erben betrachtet. Der Beitrag, den Mozart zu dieser noch sehr jungen Gattung geleistet hat, soll hierbei gewürdigt werden. Er kann mit Recht als einer der Begründer des Klaviertrios bezeichnet werden, das mit dem Streichquartett zu der wichtigsten kammermusikalischen Besetzung wird. Sein Einfluß lebt bis heute fort.
Bereits als Achtjähriger
komponiert Mozart „6 Sonaten“, in denen - wie auch im 1776 entstandenen
„Divertimento B-Dur“- der Cellopart ausschließlich als Stütze
des Klavierbasses dient. Ein Grund hierfür ist die Funktion des Cellos
als Continuo-Instrument im Generalbaßzeitalter, eine weitere Erklärung
ist der Entwicklungsstand des Hammerflügels, der auf die klangliche Unterstützung
im Baßregister angewiesen war.
In den in diesem Konzertzyklus vorgestellten Werken KV 496 (G-Dur), KV 502 (B-Dur),
KV 542 (E-Dur), KV 548 (C-Dur) und KV 564 (G-Dur) jedoch leistet Mozart Bedeutendes
für die Entwicklung der Gattung: Der Violoncellopart gewinnt an Eigenständigkeit.
Diese Trios sind ausgereifte konzertante Werke, die erstmalig dreisätzig
angelegt sind. Ludwig van Beethoven geht den von Mozart eingeschlagenen Weg
weiter und entwickelt das Trio zu einem Ensemble dreier musikalisch gleichwertiger
Partner, die mit sehr unterschiedlichen Stimmen streiten.
Eine weitere Voraussetzung für die Entwicklung des Klaviertrios schafft Joseph Haydn. Seine späten Trios, von denen das g-moll-Trio Hob.:XV/19 und das A-Dur-Trio Hob.:XV/18 erklingen werden, sind 1794 in Kenntnis der Mozartschen Werke entstanden. Haydn erweitert den formalen und harmonischen Rahmen. Sein Schüler Ludwig van Beethoven greift diese Neuerungen bereits in seinen Trios op. 1 (1795) auf. Er führt die Gattung Klaviertrio mit dem „Erzherzogtrio“ op.97 (1811), das im Eröffnungskonzert zu hören ist, zu einem Höhepunkt. Mit den späten Variationen über das Lied „Ich bin der Schneider Kakadu“ op.121a (1823) ist Beethoven ein weiteres Mal in der Konzertreihe vertreten.
Johann Nepomuk Hummel, ein Schüler Mozarts, knüpft in der Behandlung der Instrumente an die Werke seines Lehrers an, schlägt stilistisch aber einen anderen Weg ein: Während Mozarts Trios bereits frühromantische Züge tragen, prägt Hummel den „style brillant“, der durch Esprit und Virtuosität unterhaltsam im besten Sinne ist. Verglichen mit seinem - den Konzertzyklus eröffnenden - Es-Dur-Trio op. 93 scheint das Werk gleicher Tonart op.101/1 von Antonín Rejcha dem konzertanten Stil Hummels nahe zu stehen. (Im Vorwort zu den 6 Trios op. 101 beschreibt er diese als „völlig neuartig konzipierte Werke“ und verlangt ausdrücklich virtuoses Spiel von allen Instrumenten. Es wird angemahnt, die solistischen Passagen vorher separat zu studieren). Inhaltlich und harmonisch jedoch folgt Rejcha, der sich besonders durch seine Schriften zur Harmonielehre prägend auf die nachfolgende Komponistengeneration auswirkt, der Kompositionsweise Mozarts.
Das Klaviertrio Es-Dur op.100 Franz Schuberts stellt in dieser Konzertserie das Bindeglied zwischen der Klassik und der Romantik in der Musik dar. 1727 komponiert, orientiert sich Schubert in der Wahl der Kompositionstechnik an seinem - in jenem Jahr verstorbenen - Vorbild Beethoven, inhaltlich aber ist das Werk zutiefst geprägt von romantischem Gedankengut. Dabei kommt Schubert in seinen extremen Ausdruckswerten – den zarten oder abgründig-düsteren Passagen wie in der Durchführung des ersten Satzes des hier erklingenden Es-Dur-Trios – den Ideen Mozarts sehr nahe. Eine enge Verwandtschaft beider Komponisten besteht auch in der liedhaften Behandlung der Melodiestimmen.
Im Entstehungsjahr des Es-Dur-Trios von Schubert (1828) komponierte auch Frédéric Chopin sein einziges Klaviertrio (g-moll op.8), ein Jugendwerk des achtzehnjährigen Virtuosen, das neben der spät komponierten Cellosonate als sein einziges Kammermusikwerk gelten darf. Chopin distanziert sich ausdrücklich vom „style brillant“ Hummels. Weder im Gesamtklangbild noch in der Anlage des Klavierparts ähnelt es seinen sonst reich verzierten, virtuos glänzenden Werken. Er versucht hier, einen neuartigen Kammermusikstil zu entwickeln, der dem Carl Maria von Webers und Franz Schuberts vergleichbar ist. Robert Schumann urteilte: „Edel, schwärmerisch, eigentümlich im Kleinsten wie im Ganzen, jede Note Musik und Leben“.
Felix Mendelssohn Bartholdy ist der Komponist der romantischen Epoche, der am häufigsten in die geistige Nähe Mozarts gestellt wird. Der Grund dafür ist die ihnen beiden eigene charakteristische Kompositionsweise. Sie zeichnet sich aus durch Beweglichkeit und Eleganz, eingängige, gesangliche Themen, geistvolle und einfallsreiche Behandlung der begleitenden und kommentierenden Stimmen des Satzes, klare Formstrukturen und ein alle diese Tugenden verbindender „persönlicher Ton“, der es ihnen ermöglicht, dramatische musikalische Konflikte in Leichtigkeit aufzulösen . Das c-moll-Trio op.66 (1845) vereint romantisches Pathos und Schwärmerei. Durch die klassische Schreibweise entsteht eine in der Romantik ungewöhnliche Transparenz, die bei aller Leidenschaft den Satz fragil erscheinen läßt.
Das Schlußwerk der
Konzertreihe, das 1914 entstandene Klaviertrio a-moll von Maurice Ravel, vermittelt
einen Ausblick auf das 20. Jahrhundert. In diesem Werk verschmelzen rhythmische,
harmonische und melodische Elemente unterschiedlicher Kulturkreise. Es werden
klassische rhythmische Taktmodelle mit asymmetrischen der südosteuropäischen
Folklore entlehnten Rhythmen und baskischen Volkstänzen kombiniert. Eine
streng durchgeführte Passacaglia findet ebenso Eingang wie die Schilderung
einer Alarmglocke. Im Scherzo (Pantoum) setzt Ravel eine Reimform der malaiischen
Dichtung in Musik um.
Trotz der Verquickung verschiedenartiger Elemente besticht das Trio durch große
Klarheit und durch unmittelbare Verständlichkeit, die an Mozart gemahnt.
Wie bei Mozart wird dies durch das Wiederkehren musikalischer Formeln erreicht.
Während Mozart sich der Musiksprache seiner Zeit und seines Kulturkreises
mit einer streng festgelegten Auswahl an Floskeln und Verknüpfungsmöglichkeiten
bedient, schafft Ravel die Verbindung zwischen unterschiedlichen musikgeschichtlichen
Epochen und Kulturen in einem Werk, das er selbst als „fast zu klassisch“
bezeichnet.
1. Konzert:
Johann Nepomuk Hummel: Klaviertrio
op.93 Es-Dur
(1778-1837)
Wolfgang
Amadeus Mozart: Klaviertrio B-Dur KV 502
(1756-1791)
Ludwig
van Beethoven: Klaviertrio
B-Dur op.97 „Erzherzogtrio“
(1770-1828)
2. Konzert:
Antonín Rejcha: Klaviertrio
Es-Dur op.101 Nr.1
(1770-1836)
Wolfgang
Amadeus Mozart: Klaviertrio G-Dur KV 496
(1756-1791)
Frédéric
Chopin: Klaviertrio
g-moll op.8
(1810-1849)
3. Konzert: Ludwig van Beethoven:
Variationen über
„Ich bin der
(1770-1828)
Schneider
Kakadu“ op.121a G-Dur
Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviertrio G-Dur KV 564
(1756-1791)
Franz
Schubert: Klaviertrio
Es-Dur op.100 D 929
(1797-1828)
4. Konzert: Joseph Haydn: Klaviertrio
g-moll Hob. XV:19
(1732-1809)
Wolfgang
Amadeus Mozart: Klaviertrio C-Dur KV 548
(1756-1791)
Felix
Mendelssohn Bartholdy: Klaviertrio c-moll op.66
(1809-1847)
5. Konzert: Joseph Haydn: Klaviertrio
A-Dur Hob. XV:18
(1732-1809)
Wolfgang
Amadeus Mozart: Klaviertrio E-Dur KV 542
(1756-1791)
Maurice
Ravel: Klaviertrio
a-moll
(1875-1937)
Hyperion-Trio
Hagen Schwarzrock, Klavier
Oliver Kipp, Violine
Katharina Troe, Violoncello