Russland - Frankreich

 

 

     In diesem Jahr möchte das Hyperion-Trio das Thema der europäischen Kunstmusik am Beispiel von russischen und französischen Klaviertrios vorstellen. Die wechselseitigen Einflüsse und unterschiedlichen Entwicklungen durch die Epochen sind gerade in der Kammermusik gut zu verfolgen. In der Zeit der Klassik  entsteht in Russland unter Verwendung von Elementen orthodoxer Kirchenmusik und Volksmusik eine eigenständige Richtung. Französische Kultur wird in den russischen Adelshäusern gepflegt und hinterlässt ihre Spuren in Dichtung und Musik. Michail Glinka ist der erste namhafte klassische Komponist Russlands. Studienreisen bringen ihn nach Berlin, Warschau und Paris. Seine Opern- und Orchesterwerke dienen nachfolgenden Generationen in ihrer nationalen Eigenart als Vorbild. In seinem Klaviertrio von 1827 orientiert er sich an den Kompositionen Frédéric Chopins, dessen  Klaviertrio op.8 aus dem Jahr 1828/29 eines der frühesten romantischen Klaviertrios ist. Am ersten Abend sollen diese beiden Werke einander gegenübergestellt werden. Das frühe Klaviertrio Debussys, das danach erklingen wird, ist im Haus der Nadeschda von Meck, der Gönnerin Tschaikowskys, mit großem Erfolg  uraufgeführt worden. Claude Debussy, zunächst durch Chopin und Richard Wagner beeinflusst, wendet sich später vom romantischen Ideal ab und sucht nach neuen Anregungen u.a. bei Mussorgskij und fernöstlicher Gamelanmusik.

    Der zweite Abend steht im Zeichen des französischen Impressionismus. Ernest Chausson, wie Claude Debussy ein Schüler César Francks, gilt als einer der Begründer des Impressionismus in der Musik. In seinem Klaviertrio op. 3 ist neben typisch  französischen harmonischen und rhythmischen Elementen der Einfluss Richard Wagners zu erkennen. Das Klaviertrio von  Maurice Ravel, am Vorabend des ersten Weltkriegs komponiert, ist eines der wichtigsten Werke der Klavier-trioliteratur. Ravel beschreitet hier klanglich und rhythmisch neue Wege unter Beibehaltung klassischer Formprinzipien.

    Am dritten Konzertabend kommt mit den Klaviertrios von Max Reger ein „Gast“ zu Gehör, dessen Werke und Auftritte in Russland große Beachtung fanden. Das frühe Largo von Reger ist der langsame Satz aus der nicht erhaltenen Fantasie charactéristique und wurde vom Hyperion-Trio zum ersten Mal auf CD eingespielt. Es atmet romantischen Geist und verweist mit Hauptthema und Tonart auf Beethovens Erzherzogtrio. Der im selben Jahr wie Max Reger geborene Sergej Rachmaninoff, berühmter Klaviervirtuose und von Tschaikowsky geförderter Komponist, schrieb zwei Trios élégiaques.

    Am letzten Konzertabend erklingt das Klaviertrio von Peter Tschaikowsky, ein konzertant ausladendes Werk, das dem Andenken Nikolai Rubinsteins gewidmet ist – „A la mémoire d' un grand artiste“ – und die Tradition des russischen Trio élégiaque einleitet. Tschaikowsky und Rachmaninoff vertreten die Linie der russischen Komponisten, die eine europäische Musiksprache suchen. In Alfred Schnittkes zweisätzigem Trio finden sich Einflüsse russisch-orthodoxer Liturgie wie auch Anklänge an Gustav Mahler und an Lieder von Franz Schubert.